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Vergessen wir doch endlich die 7+/-2 Regel …

… zumindest bei dem Thema Navigation. Wie heißt es so schön? Eine Hauptnavigation solle aus ca. 7 Menüpunkte bestehen – plus minus zwei. Also irgendwas zwischen 5 und 9 Menüpunkten sei optimal, weil das menschliche Gehirn nur 7 Einheiten gleichzeitig verarbeiten kann.
Alles Quatsch! Vergesst’s!

Die Musik zum Blogbeitrag (optional) https://twitter.com/Brassrootsmusic

Es gibt im Webdesign diverse Legenden, die an unserer Arbeit kleben wie das Pech an der Marie. Der Klassiker: Laut Jakob Nielsen scrollen nur 10 % der Nutzer eine Seite nach unten. Diese Aussage ist von 1996 und wurde von ihm bereits ein Jahr später widerrufen.

Und eine andere bekannte Legende ist eben die 7+/-2 Regel. Diese Regel stammt aus einer Untersuchung von George Miller aus dem Jahr 1956 und ist bekannt geworden als die Millersche Zahl. Wikipedia:

Die Millersche Zahl (engl. The Magical Number Seven, Plus or Minus Two) bezeichnet die von George A. Miller festgestellte Tatsache, dass ein Mensch gleichzeitig nur 7±2 Informationseinheiten (Chunks) im Kurzzeitgedächtnis präsent halten kann.

Miller hat also untersucht, wie viele Einheiten ein Mensch im Kurzzeitgedächtnis speichern kann. Und genau das ist es, was nicht passt! Denn niemand muss die Menüpunkte einer Website-Navigation auswendig aufsagen können. Sie stehen immer oben oder links, oder man kann sie jederzeit aufklappen.

Um mit einer Navigation gut arbeiten zu können, muss der Nutzer die Menüpunkte gut lesen und verstehen können. Das ist Wahrnehmungspsychologie. Was Miller untersucht hat, gehört zur Lernpsychologie und ist was ganz anderes! (Noch dazu gibt es neuere Untersuchungen zu diesem Thema.)

Eine Navigation kann also ruhig auch aus mehr als 7 Menüpunkten bestehen – wichtig ist, dass die Struktur nachvollziehbar ist und der Nutzer alle Inhalte damit finden kann. Er muss eine Vorstellung davon bekommen, was sich hinter jedem Menüpunkt verbirgt. Also, wenn notwendig, lieber ein paar Punkte mehr in die Navigation reinpacken, als sich sinnlos auf 7 Punkte zu knechten. Dadurch führt man höchsten Dinge zusammen, die nichts miteinander zu tun haben, und baut im schlimmsten Fall noch mehr Ebenen in der Tiefe auf.

Es geht hier auch nicht nur um Hauptnavigationen – das gleiche Prinzip gilt auch für Sub-Menüs. Sehr gute Erfahrungen haben wir z.B. mit Megadropdowns gemacht, in denen manchmal 3, 4 oder 5 Kategorien mit ganz vielen Sub-Menüpunkten auftauchen. Die Kategorien sieht man dann auf den Unterseiten auch wieder in der linken Navigationsleiste. Durch diese Gruppierungen bleiben selbst etwas längere Navigationen noch bedienbar.
Die Nutzer in unseren Usabilitytests sind immer sehr begeistert und bezeichnen diese Art der Navigation als sehr übersichtlich. Beim RMV.de kann man sich ein Beispiel ansehen. (Umgesetzt nach den Regeln von Jakob Nielsen.)

PS: Ja, auf der Wikipedia-Seite der Millerschen Zahl steht auch, dass man sie auf die Navigationspunkte einer Website anwenden kann … das müsste man mal dort ändern.